Osteopathische Säuglingsstudie

ABSCHLUSSBERICHT ÜBER EINE DER WELTWEIT GRÖSSTEN STUDIEN ZUR OSTEOPATHISCHEN BEHANDLUNG VON SÄUGLINGEN IM ERSTEN LEBENSJAHR

OSTINF-STUDIE Hintergrund

Seit Ende der 1980er Jahre die ersten deutschen Ableger vorwiegend französischer und belgischer Osteopathie-Schulen eine fundierte Ausbildung zum Osteopathen auch in Deutschland möglich machten, hat die Osteopathie sich in Deutschland etabliert. Schon 2013 ließen sich in inzwischen rund 4000 Praxen bis zu 5,6 Millionen Menschen therapieren. Einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge hat sich mittlerweile etwa jeder Fünfte schon in osteopathische Behandlung begeben, einer anderen aktuellen Umfrage zufolge sind 6 von 7 Patienten in einer osteopathischen Praxis nicht zum ersten Mal dort. Immer mehr Osteopathen arbeiten zutage vor allem mit Säuglingen und Kindern. Immer häufiger schicken auch Hebammen Säuglinge zur Kontrolle zum Osteopathen. Die zunehmende Popularität der Osteopathie in der Bevölkerung in Deutschland spiegelt sich auch in einer zunehmenden Thematisierung in den Medien wider (z.B. Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, Artikel in der Zeitung „Die ZEIT“ 2016).

Neben fundiert analytischen Beiträgen zur sog. „Kinderosteopathie“ finden sich auch positiv wie negativ voreingenommene Beiträge. Ein immer wieder vorgebrachtes Argument ist allerdings bei unvoreingenommener Betrachtung grundsätzlich nicht ganz von der Hand zu weisen: Es gibt nur wenige, bestenfalls ansatzweise aussagekräftige Therapiestudien, die die klinische Wirksamkeit osteopathischer Behandlungen bei Säuglingen wissen- schaftlich untersucht haben und deshalb einigermaßen verlässliche Schlüsse zulassen. Nicht nur das, es ist wissenschaftlich bislang nicht zufriedenstellend untersucht, was denn überhaupt die „typischen“ Gesundheitsstörungen sind, mit denen Eltern mit ihrem Säugling in einer kinderosteopathischen Praxis vorstellig werden. Die Akademie für Osteopathie (AFO) sah deshalb eine dringende Notwendigkeit herauszufinden, mit welchen Problemen sich Eltern besonders häufig an Osteopathen wenden, da sich daraus u.a. Rückschlüsse ziehen lassen können, welche aus Sicht der Eltern relevanten Gesundheitsstörungen ihrer Säuglinge in der „normalen Versorgung“ nicht zufriedenstellend bedient werden. Dazu sollten Eltern zumindest „vorläufige“ Anhaltspunkte gegeben werden, was sie tatsächlich im Verlaufe einer osteopathischen Behandlung ihres Säuglings an (positiven?) Veränderungen erwarten können – und es sollte sich eine osteopathische Forschungsagenda entwickeln lassen, welchen Fragestellungen im Bereich der Säuglingsosteopathie die größte Priorität zukommt. Zusammen mit dem Deutschen Institut für Gesundheitsforschung (DIG) unter Leitung von Univ.-Prof. Dr. med. habil. KL Resch führte die AFO eine Beobachtungsstudie zur osteopathischen Behandlung von Säuglingen im ersten Lebensjahr durch. Dadurch, dass sicher- gestellt wurde, dass auch tatsächlich von allen behandelten Säuglingen die Daten für die Auswertung zur Verfügung standen, sollte auf die Ergebnisse Verlass sein. Gezielte Voruntersuchungen sollten ebenfalls dazu beitragen, dass die Ergebnisse tatsächlich verlässlich und relevant sein konnten. In Vorbereitung dieser Studie wurde zunächst im Februar 2017 eine Umfrage unter 80 erfahrenen Osteopathen mit explizitem Schwerpunkt Kinderbehandlung durchgeführt. Dabei ging es darum herauszufinden, was tatsächlich die häufigsten Gesund- heitsstörungen bzw. Probleme/Anliegen sind, mit denen sich Eltern von Säuglingen an eine kinderosteopathische Praxis wenden. Das Ergebnis war denn auch ziemlich überraschend. Es zeichnete sich nicht etwa eine herausragende Gesundheitsstörung ab, vielmehr lagen nicht weniger als fünf Störungen fast gleichauf:

Die Asymmetrie im Säuglingsalter ist ein klinischer Zustand mit einer großen Bandbreite an Erscheinungen (Form, Haltung und Bewegung), Ätiologie, Lokalisierung und Schwere. In der Literatur gibt es keinen Konsens bezüglich Definition, Nomenklatur oder Klassifikation, die Angaben sind uneinheitlich. Häufig verwendete Begriffe sind „infantile Skoliose“ oder „Säuglings- Skoliose“. Die Asymmetrie ist in aller Regel idiopathisch. Plagiozephalie ist eine allgemeine Bezeichnung für eine Schädelasymmetrie bei Säuglingen, die sich vereinfacht in zwei Bereiche einteilen lässt: Die pathologische Plagiozephalie, auch Kraniosynostose ge- nannt, sowie die (sekundäre) Plagiozephalie, die postnatale lagebedingte Deformation des Schädels. Diese lagebedingte Plagiozehpalie ist eine erworbene, asymmetrische Abflachung des kindlichen Schädels durch längeres Liegen auf dem Hinterkopf und ist heutzutage ein häufiges Problem, mit dem Eltern mit ihrem Säugling beim Kinderarzt vorstellig werden. Eine Studie aus den USA schätzt, dass bis zu 20% der annähernd 4 Millionen 2013 dort geborenen Säuglinge eine Form der lagebedingten Schädel- deformation aufwiesen. Säuglinge, die ungewöhnlich viel schreien und nur schwer zu beruhigen sind, werden umgangssprachlich als „Schreibabys“ bezeichnet. Der simultan verwendete Begriff „Dreimonatskolik“ beruhte auf der Annahme, dass der Grund für die Schreiattacken in Störungen des Magen-Darm-Bereichs (z.B. Krämpfe, Blähungen, Reflux) zu suchen ist. Im englischsprachlichen Raum werden die Schreibabys mit den Begriffen „excessive crying” und „infantile colic“ beschrieben. In Deutschland wird die Problematik zusammen mit Schlaf- und Fütterstörungen unter dem Oberbegriff Regulationsstörungen im Säuglingsalter eingeordnet.

OSTINF-STUDIE Fragestellung

Die aktuelle Studie sollte die wesentlichen Aspekte des Behandlungsverlaufs doku- mentieren, um verlässliche Zahlen für die beiden folgenden, grundsätzlichen Frage- stellungen zu bekommen: –  Welche Veränderungen werden bei Säuglingen in Folge der osteopathischen Behandlung von den Eltern wahrge- nommen und wie sind sie zu bewerten?

Die häufigsten 5 Gesundheitsstörungen:

▪ Säuglingsasymmetrie:
▪Plagiozephalie: 18%
▪ Fütterstörung: 15%
▪ Schreibaby: 12,5%
▪ Schlafstörung: 11,5%


  • –  Welche Veränderungen werden bei Säuglingen in Folge der osteopathischen Behandlung von den Eltern wahrgenommen und wie sind sie zu bewerten?
  • –  Welche möglicherweise korrespondierenden Nebenwirkungen sind in diesem Zeitraum aufgetreten und wie sind sie zu bewerten?
  • OSTINF-STUDIE Methoden
  • Aufbauend auf den Ergebnissen der Voruntersuchung wurden Säuglinge mit den fünf genannten Gesundheitsstörungen in den teilnehmenden osteopathischen Praxen behandelt. Alle Osteopathen mussten eine spezielle Zusatzqualifikation vorweisen können und Erfahrung in der Behandlung von Kindern haben (die teilnehmenden Osteopathen hatten im Durchschnitt 12 Jahre Berufserfahrung).

In der geplanten „multizentrischen Beobachtungsstudie“ sollte die Behandlung von mindestens 500 Säuglingen dokumentiert werden. Zentrale Messgröße war die Beurteilung der Eltern, z.B. durch Bewertung der Symptomenstärke mit Hilfe von Numerischen Rating Skalen (NRS 0-10). Bei der Plagiozephalie wurde mit einem „Craniometer“ der Kopfumfang des kindlichen Schädels gemessen und daraus der klinisch übliche Cranial Vault Index (CVAI) errechnet.

OSTINF-STUDIE Ergebnisse

230 Praxen hatten Interesse an einer Teilnahme bekundet. 151 Praxen haben tatsächlich teilgenommen und insgesamt 1196 Säuglinge in die Studie aufgenommen. Damit wurde die geplante Teilnehmerzahl um gut das Doppelte überschritten . Es waren im Durchschnitt 2-3 Behandlungen nötig.

Die idiopathische Säuglingsasymmetrie war mit 48% die am häufigsten behandelte Gesundheitsstörung, gefolgt von den Schreibabys (18%), der Fütterstörung (15%) und der Plagiozephalie (14%).

Idiopathische Säuglingsasymmetrie?

Abefragt wurde hier die Stärke der Asymmetrie

  • –  Blickkontakt zur bevorzugten Seite
  • –  Drehung zu bevorzugten Seite und die
  • –  Asymmetrische Lage Die prozentuale Verbesserung zwischen Beginn und Ende der Behandlungen lag zwischen 78% und 82%.
  • Plagiozephalie
  • Der Cranial Vault Index verbesserte sich um 51%. Allerdings erwiesen sich hier die Messungen mit dem Craniometer als problematisch, da es bei einem unruhigen Baby manchmal schwer ist, genau an den vorgegebenen Bezugspunkten zu messen.
  • Fütterstörung
    Die Stärke der Symptome verbesserte sich im Laufe der Behandlungen um 77%. ▪ ▪ Schreibabys Die Problematik „Schreibabys“ war der zweithäufigste Konsultationsgrund in der osteopathischen Praxis. Die Symptomatik „exzessives“ Schreien verbesserte sich um 70%, was für die Eltern eine erhebliche Erleichterung war.
  • Schlafstörungen
    Schlafstörungen traten in dieser Studie mit 4% am wenigsten auf. Auch hier wurde eine beträchtliche Verbesserung um 56 % beobachtet beträchtliche Verbesserung beobachtet.

Ist Osteopathie gefährlich?

Bei 3,5 % der Säuglinge wurden nach der osteopathischen Behandlung „Auffälligkeiten“ dokumentiert, durchweg geringfügige und kurzzeitige Symptome wie Müdigkeit, Unruhe, kurze Verschlechterung des ursprünglichen Befundes. Der zeitliche Bezug kann als „Reaktion“ auf die Behandlung gesehen werden, es kann sich aber auch um natürliche Schwankungen im Verlauf der Gesundheitsstörung handeln.

Bemerkenswert ist, dass bei den insgesamt über 3200 Behandlungen in keinem einzigen Fall eine ernsthafte, für die Gesundheit des Säuglings potenziell relevante und/oder länger andauernde Nebenwirkung beobachtet wurde.

Osteopathie als „zweite Chance“? In Deutschland wie in den meisten anderen Ländern der westlichen Welt mit grundsätzlich gut funktionierenden Gesund- heitsversorgungssystemen kann davon aus- gegangen werden, dass Eltern sich mit auffälligen möglichen Gesundheitsstörungen ihres Säuglings zunächst an die „zuständigen Instanzen“ wenden und eine im Rahmen der Versorgung bestmögliche diagnostische Abklärung und ggf. Behandlung erfolgt. Ist die Osteopathie nicht integraler Bestandteil des Primärversorgungssystems (wie in Deutschland), ist die Konsultation eines Osteopathen in der Regel ein Schritt seitens der Eltern, wenn die „übliche Versorgung“ nicht den erwarteten Erfolg gezeitigt hat. Die vorliegende Untersuchung gibt konkrete Anhaltspunkte dafür, dass sich mit der osteopathischen Behandlung der unter- suchten Gesundheitsstörungen relevante zusätzliche positive Wirkungen erzielen lassen.

OSTINF-STUDIE Fazit

  • ▪  Die Ergebnisse der aktuellen Untersuchung unterstreichen ganz offensichtlich die Empirie von professionellen Protagonisten wie Hebammen und Kinderärzten, die den medizinischen Ansatz der Osteopathie zu einer für die Gesundheitsversorgung von Säuglingen im ersten Lebensjahr viel versprechenden Option bei den hier untersuchten Störungen macht, wenn die übliche Versorgung nicht zu einem für die Eltern zufrieden stellenden Ergebnis geführt hat.
  • ▪  Auf der Basis der Ergebnisse dieser bislang weltweit größten, methodisch sorgfältig geplanten und durchgeführten Beobachtungsstudie sollen perspektivisch sogenannte Interventionsstudien geplant und realisiert werden, voraussichtlich primär mit der jeweiligen Standardtherapie als Vergleichsintervention oder im Vergleich zur Entscheidung gegen andere „typische“ Behandlungen (um Aussagen möglichst nahe an der Realität zu generieren).

OSTINF-STUDIE Informationen

▪Zahlenmäßig exakte Ergebnisse zur OSTINF-STUDIE sollen im Laufe dieses Jahres in einem international renommierten wissenschaftlichen Fachjournal veröffentlicht werden und stehen dann allen als zusätzliche Information und Entscheidungshilfe zur Verfügung

  • ▪  Die Studie wurde von den Osteopathieverbänden VOD, ROD, BVO, BAO und dem Förderverein für osteopathische Forschung (FOF) finanziell unterstützt.
  • ▪  Die Studie wurde erstellt durch die:
    Akademie für Osteopathie e.V. (AFO), Römerschanzweg 5, 82131 Gauting, Studienleiter: Florian Schwerla MSc, D.O. und dem
    Deutschen Institut für Gesundheitsforschung gGmbH (DIG), Kirchstr. 8, 08645 Bad Elster Leitung: Univ-Prof Dr. med. habil. K.L. Resch