Schädelasymmetrie, Kiss-Syndrom

Baby

Baby (Foto: Fotolia.com)

Am Ende der Schwangerschaft werden die räumlichen Verhältnisse für den Embryo immer enger. Manche Kinder rutschen schon sehr früh ins kleine Becken oder die Mutter hat Anomalien, Verletzungen usw., die den kindlichen Kopf beengen können. Vielleicht sind es Zwillinge, die sich gegenseitig den Platz streitig machen. Auch eine heftige Geburt, eine ungünstige Geburtsposition wie der Sternengucker, der Einsatz einer Sauglocke und noch weitere Problematiken können den kindlichen Kopf beeinflussen und es kann hier zu Verschiebungen der Schädelplatten kommen. Normalerweise korrigieren sich bei einem vitalen Kind die Verschiebungen in kurzer Zeit von selbst. Stillen wirkt sich hier sehr positiv aus. Durch das intensive Saugen werden die Flüssigkeiten im Schädel aktiviert. Trotz der Risiken ist eine Scheidengeburt für den Organismus des Kindes und den der Mutter eine intensive Erfahrung, die beide bindet und dem Kind wichtige Impulse gibt wie z.B. das Auswringen von Darm und Lunge.

Sollte sich die Symmetrie nicht einstellen, kann die Osteopathie hier wertvolle Hilfe leisten.

Kopfbereich

Nach der Geburt kommt das Kind zum ersten Mal mit Schwerkraft und Licht in Kontakt. Daher ist der Bereich des Schädeleingangs mit dem Stammhirn, dem Hinterhauptsbein und der oberen Halswirbelsäule eine sehr wichtige Region. Hier liegen unsere vitalen Zentren, die das Herz, die Lungen, die Verdauung usw. steuern. Das Kind ist noch rein reflexgesteuert und besitzt kaum Willkürmotorik.
Das Nervensystem sieht aus wie eine Kaulquappe. Es ist umgeben von den Hirn- und Rückenmarkshäuten. Die Häute des Nervensystems umschließen die Schädelplatten, kleiden die Augenhöhle aus, umscheiden die Nerven des Schädels und setzen sich im Kanal des Rückenmarks fort bis zum Kreuz- und Steißbein. Daher besteht eine innige Verbindung zwischen dem Schädel, der Anheftung der Hirnhäute um die Hypophyse, den anderen Bereichen im Schädel und dem Kreuz- und Steißbeinbereich. Das Kind ist zu 80 % aus Wasser und Bewegungen in diesen Systemen werden schnell bis ans andere Ende geleitet.

Herz und Gefäße

Ein weiteres wichtiges Organsystem ist das Herz und die Gefäße. Der Herzeingang unterliegt nach der Geburt großen Veränderungen. Der Blutfluss verändert sich stark und einige Gefäße werden umgebaut. Hier kommt es immer wieder zu Störungen z.B. das Loch zwischen den beiden Vorhöfen schließt sich ungenügend. Viele Kinder haben einen Linksdrall des Kopfes, was mit den normalen Veränderungen links zu tun hat. Das Herz sitzt noch sehr weit links oben und der Herzbeutel erstreckt sich bis zum Zwerchfell nach unten. Spannungen im Herzeingangsbereich können sich bis zum linken Zwerchfell fortsetzen, wo Magen und Milz liegen. Dort können sich dann Symptome wie Reflux und Spucken ausbilden. Spannungen des Herzeingangs können die großen Gefäße zum Kopf hin beeinflussen.

Nervensystem

Spannungen im Bereich der Kopfgelenke und des Stammhirns wirken sich auf das System des Vagusnerven aus. Dies ist ein Teil unseres Parasympaticus ( Ruhemodus, alter Vagus) und steuert unsere vegetativen Funktionen. Nerven wirken immer in beide Richtungen. Es kann durch diese Verspannungen zu Verdauungsproblemen kommen, gleichzeitig können Verdauungsprobleme wiederum diese Nerven irritieren. Bei Frühgeborenen ist der vordere Anteil des Vagussystems nicht genügend ausgebildet. Dieser Anteil des vagalen Systems ist für unsere sozialen Fähigkeiten entscheidend. Er steuert unsere mimische Muskulatur, die Stimme, das Hören, die Kopfgelenke und mehr. Diese Funktionen sind für unsere soziale Kommunikation wichtig.


Becken und Hüften

Auch im Bereich des Beckens muss es zu einer „Öffnung“ kommen. Bisher waren die Strukturen durch die Enge in der Gebärmutter komprimiert. Verspannungen hier wirken sich negativ auf die Nieren aus, die noch im Bereich des Leistenbandes liegen. Durch diese Verspannungen kann sich der Hoden eventuell nicht absenken. Es kann zu einer Fehlspannung in den Knochenkernen der Darmbeine und Hüftgelenke kommen, was die Gestaltung der Hüften beeinflussen könnte.

Osteopathische Therapie

In der osteopathischen Behandlung „öffnet“ man die Ebenen des Beckens, des Zwerchfells, des Thoraxeingangs und den Bereich des Schädel. Die horizontalen Strukturen wirken zusammen. Ziel ist es auf allen Ebenen die Spannung raus zu nehmen, im knöchernen Bereich, im Nervensystem und seinen Hüllen und im Gefäßsystem. Es wird versucht, die Durchblutung und Entstauung zu verbessern. Für die Entwicklung der einzelnen Hirnbereiche und deren Schaltung ist dies enorm wichtig.

Der Schädel entwickelt sich in einer vorbestimmten Weise. Wenn bestimmte Schädelnähte fixiert bleiben, hat dies auch auf das Gehirn eine Auswirkung. Für das ganz kleine Kind ist der Hirnstammbereich sehr wichtig. Hier werden die Vitalfunktionen wie Herzrhythmus, Atmung usw. gesteuert. Ebenso kreuzen sich hier die motorischen Nervenbahnen. Eine zu hohe Spannung hier im Bereich der Hirnhäute kann wie eine Bremse auf die motorische Entwicklung wirken, die formgerechte Ausbildung der Schädelknochen und die Durchblutung von Schädel und Gehirn behindern. Die Schädelknochen sind in den Hirnhäuten eingebettet. Damit sich die Grundreflexe abbauen können und die Willkürmotorik sich entwickeln kann, muss die Spannung hier gelöst werden.

Die Osteopathie orientiert sich am Verlauf der gesunden kindlichen Entwicklung und arbeitet immer an den Regionen, die momentan für die Entwicklung wichtig sind. Zum Zeitpunkt nach der Geburt spielt die Position des Unterkiefers eine große Rolle. Sollte der Unterkiefer zu weit hinten sein, kann das Kind meist schlecht saugen. Mit einer Anleitung der Mutter kann man das Nach-Vorne-Kommen des Kiefers unterstützen. Das Kind kann dann effektiv saugen lernen und bildet ein gutes Schluckmuster aus, was für die Sprachentwicklung wichtig ist und gleichzeitig die Spannung aus dem Bereich der Kopfgelenke und des Hinterhauptbeines heraus nimmt und Lymph- und Liquorfluss unterstützt. Zu beachten ist hier das Zungenbändchen. Es sollte lang genug sein, dass das Kind die Zunge wirklich an den Oberkiefer bekommt. Ein Hinweis ist eine „herzförmige“ Einziehung der Zunge mit Trinkproblemen. Hier sollte das Durchtrennen des Zungenbändchens in Erwägung gezogen werden. Ein falsches Schluckmuster hat weitreichende Folgen wie z.B. ein mangelnder Aufbau des Kiefer- und Mundbereiches mit Lymph- und Sprachproblemen. Die fehlende Motorik wirkt sich aber auch auf die Ausbildung des Hinterkopfes aus. Hier kann es möglicherweise zu Einschränkungen und Asymmetrien kommen.

Da man nicht auf Vorrat behandeln kann, sondern nur im Jetzt, ist es wichtig, zum nächsten bedeutenden Entwicklungsschritt wie z. B. dem Aufrichten zum Stand, der Sprache, jeweils im Alter von 2, 4, 6, 8, 10 und der Pubertät zu kontrollieren und ggf zu behandeln. Bei Problemen sollte wieder erneut behandelt werden.
Wenn das Kind stärker erkrankt war oder heftiger gestürzt ist, ist eine Kontrolle ebenfalls sinnvoll. Die Osteopathie kann die Gesundung des Kindes unterstützen, indem sie z.B. nach einer heftigeren Bronchitis oder Lungenentzündung die Hüllen der Lunge gleitfähig macht und den Lymphfluss aktiviert, damit das Immunssystem des Kindes die Erkrankung effektiv bearbeiten kann .

Elliot, Was ist da drin
Aamodt und Wang, Welcome to your child’s brain
Hüther, Krenz, Das Geheimnis der ersten 9 Monate
Carreira, Willard, Osteopathie bei Kindern und Jugendlichen
Möckl, Mitha Handbuch der pädiatrischen Osteopathie
Liem et al., Osteopathische Behandlung von Kindern
Stephen Porges, Die Polyvagal Theorie